Die Masterarbeit und die Kadaver – II

Die Fortsetzung zu dieser Geschichte bin ich ja nun schon lang genug schuldig. Nun denn…

Wir erinnern uns: Für einen Versuch (bzw. mehrere Versuche) im Rahmen meiner Masterarbeit benötigte ich einen bestimmten Typ an murinen¹ Leberzellen, sogenannte hepatische Sternzellen. In diesem Fall jedoch keine Zellen einer Sternzelllinie sondern primäre, frisch aus der Maus isolierte Sternzellen. Das Präperieren der Leber und die Isolation der Zellen machen nette Kolleginnen wenn man ihnen die Tiere bringt, und so stand ich dann eines Tages nach dem Abholen der Zellen – und der Mäuse – da: Hier 5 ml der Zellsuspension auf Eis, dort ein leerer Käfig und hier eine Plastiktüte mit vier Mäusen. Vier Mäusen die, so ohne Leber, doch entsprechend leblos waren. Okaay… ._.

Hier muss ich mal eingestehen: Die Geschichte ist so lange her, dass ich sie nicht mehr mit hunderprozentiger Sicherheit korrekt wiedergeben kann. Das war ja nicht das einzige mal, dass ich Sternzellen isolieren liess. Und beinahe jedes Mal gab es entweder beim Abholen der Tiere oder nach der Isolierung irgndwelche mehr oder weniger widrigen Umstände. Daher mische ich das alles mal zu einer einzigen Geschichte zusammen. Künstlerische Freiheit, et al.😉 […]

Da stand ich nun also. Ok, was zu tun war, war klar. Erstmal den Kram zusammenpacken (Maustüte in den Käfig, Tuch aussenrum, Styroporbox mit Eis und Zellen obendrauf) und wieder ins Labor gewuselt. Denn der Käfig stört erstmal nicht, die Mäuse sind später immer noch tot – nur die Zellen, die sollten bitteschön nicht unnötig hier im Falcon-Röhrchen krepieren, die hätten nun gerne ihre Zellkulturschale, ihre 5 % CO2 (Wie war das hier gleich wieder mit Indizes?) und ihre kuscheligen 37 °C Umgebungstemperatur…  Also erstmal darum gekümmert – blieben nur Käfig und Mäuse übrig. Was nun?

Klar, der Käfig gehört wieder runter ins Institut für Versuchstierkunde und auch die Leichname der Mäuse sind kein gewöhnlicher Hausmüll. Und ich glaube demjenigen, der die einfach in den Autoklaviermüll schmuggelt, gebührt auch ein Anschiss epischen Ausmaßes. Nein, dafür gibt es, wie ich schon vorher erfahren habe, extra einen Kadaverraum.

Genau. Einen Kadaverraum.

Das ist natürlich sinnvoll. Hier geht es ja auch nicht nur um ein paar Ratten und Mäuse für die Forschung, auch angehende Chirurgen und dergleichen benötigen offenbar schon mal Schafe, Schweine, etc. Und deren Überreste… Ach naja, man kann es sich denken. Wo gehobelt wird fallen Späne – und dafür braucht es für Versuchstiere dann einen Kadaverraum. Nur kommt man da nicht so leicht hin. Man braucht erstmal schon eine Zugangsberechtigung für die Versuchstierkunde – und für den Kadaverraum muss man sich die Zutrittsberechtigung nochmal extra freischalten lassen. Selbstverständlich verfüge ich als masterarbeitender Forschungspraktikant im Grade eines Bachelors of Science über keine dieser Zugangsberechtigungen, also brauche ich jemanden der da mit mir hingeht. Wie meinen Betreuer. Der nur leider aufgrund eines Zahnarzttermines in diesem Falle schon nicht mehr zur Verfügung stand. Eine Anwesende Kollegin hat jedoch auch die nötigen Berechtigungen. Nur… Naja. Sagen wir es so: „Der Kadaverraum? Willst du da wirklich hin??“ mit passendem Gesichtsausdruck, das macht ja schon mal nen guten Eindruck. Klar, wenns sein müsste ginge sie da auch mit mir hin, aber… ja, wenn es ne Möglichkeit gäbe das zu Vermeiden und wenn ich da irgendwie bis morgen warten könnte um dann mit meinem Betreuer runterzugehen, dann wäre ihr das lieber. Jep, muss ja ein toller Ort sein, dieser Kadaverraum!

Mit so etwas hatten wir aber schon gerechnet. Und ordentlich verpackt, gekennzeichnet und nochmal in ne Extra-Kryobox gepackt kann man 4 Mäusekadaver ja auch über Nacht bei -20°C wegfrieren. Vielleicht nicht schön, aber ok. Gesagt, getan.

Nun, einen Tag später, gingen wir, mein Betreuer und Ich, dann also doch mal runter, Kadaver entsorgen und Käfig wegbringen. Letzteres war am einfachsten, ersteres, naaaja. Durch komische Kellerflure wuseln bis an eine ominöse Tür hinter der sich der nicht weniger ominöse Kadaverraum befindet – und dann feststellen dass die entsprechende Zugangsberechtigung meines Betreuers abgelaufen war. Gut, dann läuft der eben noch mal zurück zum Automaten oder zur Leitwarte (!) und ich warte derweil hier.

Da stand ich dann also nun und es war wieder mal so richtig typisch LabWolf. Verloren irgendwo auf nem Flur vor einer verschlossenen Tür stehen, während (selten) mal ein Tierpfleger im blauen Kasack vorbeihuscht – und während mir langsam die Mäuse auftauten, die ich in einem gewöhnlichen Gefrierbeutel bei mir trug. Muss ein herrlicher Anblick gewesen sein. Gott, was kam ich mir wissenschaftlich vor.

Wenig später konnte ich das sagenumwobene Leichenkämmerlein dann auch betreten. Und es war keinen Deut besser als es mir geschildert wurde! Man stelle es sich vor wie eine in die Wand eingelassene, fensterlose Kühlzelle mit einem Vorraum. Im Vorraum (beleuchtet) ein Abfallsack für Plastiktüten und Restmüll sowie ein Regal mit einer immensen Auswahl an unterschiedlichsten (Hand)Desinfektionsmitteln und Handschuhen. Und so einer Müll-Greifzange. Und so gut roch es da auch nicht. Dahinter dann, kräftiger riechend und unbeleuchtet, der eigentliche Kadaverraum mit einer Reihe an schwarzen Mülltonnen (angeblich atmen ab hier die meisten nur noch durch den Mund und lassen das Licht aus um später den Inhalt der Tonnen nicht so genau zu sehen. Gab da mal ne Geschichte von einer frohen Mutes geöffneten Mülltonne und einem, den Öffnenden freundlich anglotzenden, Schafskopf). Und Hinweis, dass man bitte keine Plastiktüten hier reinwerfen sollte. Nun ja. Handschuhe an, rein, Deckel auf, Mäuse rein, Deckel zu, raus, Tüte wegwerfen, Handschuhe aus, Hände desinfizieren, ganz raus, Tür zu, fertig.

Viel mehr gibt es da eigentlich nicht zu sagen, denke ich. Das war dann wohl die Geschichte, wie ich mit einem Beutel auftauender Mäuse verloren aufm Flur stand und erstmal den Kadaverram betrat. Der genau so roch wie man sich das bei einem Kadaverraum vielleicht vorstellt.

 

¹: Aus der Maus stammend

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