Die Masterarbeit und die Kadaver – I

Nur um den Titel: „Blut für den Blutgott!“ zu vermeiden.

Aber zunächst mal ein wenig Vorgeplänkel: Ja, hier war es die letzten Wochen ziemlich still. Sorry. Hier und da gabs zwar mal was bloggenswertes, aber letztendlich kam ich nie dazu. Masterarbeit halt. Da bin ich abends auch nicht mehr so zum Schreiben motiviert, am Wochenende ist dann genug anderes… Wies halt ist. Und irgendwelche Kleinigkeiten handle ich zur Zeit auch eher per Twitter ab, anstatt da einen ganzen Blogeintrag draus zu basteln – der dann auch recht kurz wäre.

Dennoch gibts jetzt doch mal wieder nen Eintrag! Inhaltlich, wer hätte das gedacht, zur Masterarbeit. Und die Geschichte, wie ich eines Tages verloren im Keller stand, mit einem Beutel antauender Kadaver in der Hand… Was man halt so macht.

So weit ists ja nun schon. Paar Monate praktische Arbeiten, den Kram zusammenschreiben, abgeben, Kolloqium überstehen und BAM, Master of Science! 😀 Öhm, nein. Also schon, aber sooo einfach und unkompliziert ists dann irgendwie doch nicht. Aber egal. Für dieses glorreiche Endstück meines langen Studiums (lol) hat es mich nun an ein Universitätsklinkum verschlagen. Genauer gesagt: An ein dort beheimatetes Institut. Ohne Patientenkontakt, es muss also niemand Sorge haben demnächst mal ins Krankenhaus zu kommen, und dann von mir Überfallen zu werden weil ich noch Blut oder Gewebeproben für nen Versuch brauche. Die bekomme ich von anderen Lebewesen, aber dazu in Kürze. Großer Themenkomplex: Ein Bestimmtes Cytokin und Leberfibrose. Etwas enger: Die – unerwartete – antifibrotische Rolle dieses Cytokins in experimentellen Leberschädigungen, das ja sonst eher proinflammatorisch und so unterwegs ist. Und genauer eingegrenzt: In einer anderen Arbeit wurde ein bestimmter G-Protein-gekoppelter Rezeptor als mögliches Zielgen dieses Cytokins in hepatischen Sternzellen identifiziert. Und das guck ich mir jetzt näher an! Zunächst einmal dessen Expression in verschiedenen Krankheitsmodellen, Leberzellen, etc mal mit und mal ohne Stimulation mit diesem Cytokin.

Was das ganze sowohl spannend als auch bissl doof macht: Bei dem Rezeptor handelt es sich um einen sogentannten „orphan GPCR“, einen „verwaisten“ Rezeptor, von dem nicht bekannt ist welche Liganden er bindet und was er überhaupt so treibt. Man kann sich höchstens ein bissl an Rezeptoren mit ähnlicher Aminosäurensequenz entlanghangeln. Das ist natürlich spannend und ich bin wohl, so der Literatur nach, der erste Mensch der sich diesem Rezeptor widmet. Alles was ich da also über seine Expression und dergleichen rausfinde ist erstmal neu. Wheee, Ruhm und Ehre! Oder halt auch nicht, denn das kann ja vielerlei Ursachen haben: Entweder bin ich da echt der Erste und finde womöglich ganz tolle Sachen heraus (oder wirke ein bissl mit, an der Entdeckung von tollen Sachen) – oder alle vernünftig denkenden Menschen haben schon längst begriffen dass es gar keinen Sinn macht sich mit diesem Rezeptor zu beschäftigen. Und nur bei uns kam das irgendwie nicht so recht an. Man weis es nicht… Problematisch eben auch: Man hat keine Referenzen zu dem Ding. Zwar kann man wunderbar Hypothesen aufstellen und die in Versuchen so gut es geht testen – aber ich kann kein Ergebnis von mir nehmen und dann feststellen, dass das ja super zu den Ergebnissen passt, die Dingenskirchen et al. bereits veröffentlicht haben. Oder den Befunden von Hinz und Kunz widerspricht.

Aber nichtsdestotrotz: Ich komme zumindest in den „Genuss“ munter RNA zu isolieren, dafür (bereits vor längerem eingefrorene, keine frischen) Mäuselebern mit einem wunderbar wissenschaftlichen Pürierstab  Dispergierer Rotor-Stator Homogenisator zu pürieren homogenisieren und eine real-time PCR nach der anderen laufen zu lassen. Yeah SCIENCE! :3

Nun ist die Untersuchung von Lebergewebe ja ganz toll und man kann einiges auch mit Zelllinien machen, sogar mit Sternzell-Linien – aber ganz praktisch wären ja auch Versuche mit primären hepatischen Sternzellen. Also richtige, frische Sternzellen, keine irgendwie immortalisierten. Nur müssen die ja auch irgendwo herkommen (Spoiler: Aus der Leber). Wie praktisch dass es da grade noch ein paar schön alte Mäuse gibt! (Alte Mäuse haben mehr von den guten Zellen). … Man kann sich denken wo die Reise hingeht, ja? Nun ist es ja glücklicherweise so, dass ich den Mäusen weder die Leber rauben kann noch darf. Vermutlich darf ich so eine Maus ohne vorherigen Lehrgang nichtmal streicheln und hochheben schon mal gleich garnicht! Was auch richtig ist¹.Dafür gibt es extra Kollegen die die ganzen Tag wohl nichts anderes machen als diverse Zelltypen aus diversen Organen diverser Tiere (üblicherweise Mäuse, denke ich) zu isolieren. Super Sache, die können das und machen das auch richtig, man bringt da einfach „seine“ Tiere hin und bekommt nachher die gewünschten Zellen. Und die Tiere. Ja.

Jedenfalls, nach einer Terminvereinbarung und der „Bestellung“ der Tiere unten in der Tierzucht war es dann eines Tages so weit. Der Tag, auf den ich mich irgendwie nicht so recht gefreut habe. Klar, so ganz ohne Tierversuche geht es nun mal nicht, sowas ist im medizinischen Bereich ja ned unbedingt unüblich. Ist ja für nen guten Zweck. Nur fand ich den Gedanken eben nicht besonders prickeln da unten dann (mit meinem Betreuer, wegen Zugangsberechtigung und überhaupt Berechtigung und so) die Mäuse entgegenzunehmen um sie dann ihrem sicheren Tod entgegenzutragen. Aber hilft ja nix².

Am besagten Tag also extra früh loszufahren um ja Pünktlich zur Ausschleusung der Tiere da zu sein, um nach dem Abgeben der Tiere auch noch rechtzeitig zu einem Seminar zu kommen. Kurzer Nervenkrieg mit Stau und Berufsverkehr, gleichzeitig mit Betreuer am Büro angekommen und ab in den Keller, Mäuse holen. Nach etwas herumirren durch Flure mit signifikant anderem Geruch als oben im Klinikum (und alles recht verworren) und nochmal nachfragen WO die ausgeschleusten Mäuse denn nun wären, übergab man uns dann auch einen Käfig mit 4 gar putzigen (gut, genau angeguckt hab ich sie mir mal nicht…) Black-6-Mäuschen (siehe auch hier). In ein OP-Tuch eingeschlagen, weil man ja nicht einfach so offen Mäuse durchs Krankenhaus tragen kann. Was sollen denn die Leute denken! Abgegeben, weiter zum Seminar und dann warten auf den Anruf dass das Prozedere erledigt ist.

Was es dann am Nachmittag auch war, und dann steht man also da: Ein Röhrchen mit den gewünschten hepatischen Sternzellen (super Ausbeute, btw) auf Eis – und dem Käfig. Leer bis auf einen Plastikbeutel mit den 4 Mäusen, abzüglich ihrer Lebern. Signifikant weniger wuselig, denn ohne Leber lebt sichs wohl schlecht. Und nun?

– Fortsetzung folgt

 

¹: Gut, da kann man nun auch wieder toll diskutieren: Ohne Lehrgang darf man Labormäuse nedmal in die Hand nehmen, und in Zoofachgeschäften und Tierheimen kann man sich Mäuse, Ratten, Hamster, Katzen, Hunde und sonst noch allerlei Getier Eimerweise holen und braucht dafür so ungefähr gar keine Kenntnisse oder Vorraussetungen. Mit Kindern ists ja ähnlich. Gut, das mit dem Adoptieren ist wohl ned so einfach, aber aus Eigenproduktion, das ist wieder anders. Und das ist ja auch nun ein ganz anderes Thema!

²: Tierversuche. Auch wieder so ein Thema für sich. Klar, wenn ich damit nichtmal im entferntesten Kontakt haben wollte, dann hätte ich gar keine Masterarbeit in diesem Bereich anfangen sollen. Und auch wenn sich das nun womöglich etwas grässlich liest, mit der Entnahme der Leber und so: Das geschieht natürlich nicht einfach so. Letztendlich sterben die Mäuse am Blutverlust, unter Anästhesie. Und auch das Ketamin, das sie u.A. bekommen, ist nicht gerade sparsam dosiert. Insgesamt würde ich sagen: Natürlich, je weniger Tierversuche nötig sind, desto besser, und auch dass nur qualifiziertes Personal überhaupt mit Versuchstieren zu tun hat ist schonmal gut. Für sowas gibts ja auch Vorschriften. Und letztendlich: Ich finde, da sind die Tiere die uns in Form von Einzelteilen und Wurstwaren im Supermarkt begegnen ein größeres Thema. Sowohl was Haltungsbedingungen, Transport als auch das Ableben betrifft. Aber auch das ist wieder ein Thema, mit dem Fachleute ganze Bücher füllen konnen, insofern halte ich mich da auch mal ein bissl zurück.

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4 Antworten to “Die Masterarbeit und die Kadaver – I”

  1. gedankenknick Says:

    Wenn man sich Getier aus dem Tierheim holen will, wollen die oft insofern einen “Leistungsnachweis”, als dass die unangekündigt in den nächsten Monaten mal in der WOhnung vorbei schauen und gucken, wie es dem Tierchen geht. In den Verträgen steht meist drin, dass das ganze rückabgewickelt wird, wenn das Tier sich in nicht korrekter Haltung befindet.

    Wie das ist, wenn man sich Kinder aus dem Tierheim holt, weiß ich aber nicht zu sagen…

    • labwolf Says:

      Ah, guter Punkt! Jetzt wo dus sagst erinnere ich mich daran, dass wir da auch mal unangekündigten Besuch bekamen, nachdem wir „Pythagoras“ (Kater, kein Kind. Gut, eigentlich schon noch ein Kind damals, aber gut… ^^) aus dem Heim geholt haben.

  2. Und weiter gehts? | Nutzlose Kommentare die niemand braucht Says:

    […] LabWolfs Weblog « Die Masterarbeit und die Kadaver – I […]

  3. Die Masterarbeit und die Kadaver – II | Nutzlose Kommentare die niemand braucht Says:

    […] Fortsetzung zu dieser Geschichte bin ich ja nun schon lang genug schuldig. Nun […]

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